Mitleid erregt, Gewissen erreicht, Herz berührt

„Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch […]. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter.“


Mit diesem Zitat führt Gotthold Ephraim Lessing in eine Thematik hinein, mit welcher auch ich mich am 16.01.2020 im Rahmen eines schulischen Besuchs des Goethe-Nationalmuseums und des „Urfaust“ im Deutschen Nationaltheater Weimar befasste. Das unter der Regie von Tobias Wellemeyer am 04.Oktober 2019 uraufgeführte Werk erzählt die allseits bekannte Lebensgeschichte des Faust, welcher mit Hilfe eines eingegangenen Pakts mit dem scheinbar teuflischen Mephisto um die Gunst des jungen, frommen Gretchens buhlt.                                                                                                        

Bereits der erste Anblick des Bühnenbildes, gestaltet von Harald Thor, gewährt einen Einblick in Fausts bescheidenes Studierzimmer: ein wortwörtlich geerdeter Boden, Tischchen und Stühlchen im Vordergrund, der Hintergrund mit einem schräg hängenden Metallkasten versehen. Kaum fängt der Zuschauer an, Verknüpfungen zwischen dem Gesehenen und dem bereits Bekannten herzustellen, stürmt auch schon Faust durch eine Tür im Metallkasten auf die Bühne. Marcus Horn, Darsteller des Faust, verfällt gemeinsam mit seinem zu spielenden Charakter in eine überzeugend dargestellte Sinnkrise. Was hält die Welt im Innersten zusammen? Lässt sich dies ergründen, indem man sich der Magie ergibt? All jenes durchdenkt Faust in seinem anfänglichen Monolog. Alles scheint passend, bis auf ein Huhn, welches Faust, Zorn erfüllt, an die Wände des Metallkastens schmettert. Blut tropft die Wände herunter und klebt an Fausts Händen. Ein Zeichen für seine ausweglose Situation?                                                                                                              

Ebenfalls überrascht die Entscheidung Tobias Wellemeyers, die Rolle des Mephistopheles weiblich zu besetzen. Die anfängliche Verwunderung wandelt sich jedoch schnell in Begeisterung. Anna Windmüller überzeugt vor allem mit ihrer verruchten und selbstbewussten Darstellung des Mephisto. Ein Kuss zur Besiegelung des Pakts, statt eines Blutschwurs: Weibliche Reize und Mittel der Verführung werden hier gekonnt eingesetzt und zur Schau gestellt.                 

Eine der stärksten Umsetzungen dieser Inszenierung ist meiner Ansicht nach jedoch die des Gretchens. Vom frommen Mauerblümchen bis hin zur selbstbewussten und starken Frau. Die Entwicklungsstufen des Gretchens spielt Rosa Falkenhagen mehr als überzeugend. Ein kurzer Blick in den Spiegel, eine Kette um den Hals, das Bewundern der eigenen Erscheinung. Die meisten Mädchen werden sich wohl in dieser sympathisch dargestellten Situation wiedererkannt haben. Umso erschütterter habe auch ich den Untergang des Gretchens mitverfolgt. Die harmonische Darstellung der Protagonisten konnten selbst einige teilweise unpassende Knalleffekte nicht gefährden. Ein rotierendes, sich im Hintergrund befindendes Bühnenbild entführte mich zu den Schauplätzen der Handlung.                              

Liebe auf den ersten Blick, der erste Kuss an einer Bushaltestelle, der endgültige Untergang: Tobias Wellemeyers Inszenierung des „Urfaust“ überzeugte mich aufgrund passend ausgewählter Darsteller und einem modern angelegten Bühnenbild. „Der Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer seinen eigenen aus“, so Friedrich Schiller im Jahre 1784. Tatsächlich gelingt es dem „Urfaust“ aus Weimar, den Zuschauer auch im Jahre 2020 in den Bann zu ziehen und über erregtes Mitleid dessen Gewissen zu erreichen.


„Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste.“ – Gotthold Ephraim Lessing

Katharina Kraus, A20D1

 

Und doch war es bloß Mittelmaß


Eine Rezension zum Höhepunkt der Weimarexkursion der 12. Klassen am 16.01.2020: Die Theateraufführung des Urfaust im Deutschen Nationaltheater Weimar. Zuvor besuchten wir das Goethehaus und -wohnhaus und verschafften uns so einen ausgiebigen Blick über Goethes Leben und Schaffen.

Die Aufführung begann pünktlich 19:30, das Bühnenbild regte zu einigem Argwohn an und die Menge, ein Großteil Jugendliche, war gelangweilt und doch gespannt, hohe Ansprüche waren gesetzt, „Faust I“ als Vergleichswerk war gelesen worden.
Das Spektakel beginnt verwunderlich: spritzendes Blut, halbnackte Frauen und Explosionen waren schon einmal gegeben, soweit zum Actionfilm. Man kann nicht behaupten, dass dies schlecht gewesen wäre, all das regte ganz grundlegendes Interesse. Nun versprach man sich viel.

Der Regisseur, er sei hier kurz erwähnt: Tobias Wellmeyer spielte mit unseren medialen Erfahrungen, die eigentlich überhaupt nicht Theater waren. Er ließ viele Fragen entstehen, die ein geübter Beobachter oder wir als Kollektiv zumindest beantworten konnten. Jedoch blieben Dinge aus, die er nicht zu lösen vermochte, so schien es jedenfalls, als Mephisto, gerade noch ein imaginärer Pudel in der Ferne, nun plötzlich hinter Faust stand. Man merkte nun schon, dass das Spiel in unsere nahe Gegenwart gezogen war, was Brecht freilich befürworten würde, ein Stück müsse den Zuschauer dazu bringen, „der Bühne gegenüber dieselbe Haltung, die er als Mensch der Natur gegenüber hat“, zu haben. Und doch war es nicht ganz unsere Gegenwart. Eher die 60er-70er–Jahre in Spanien oder Mexiko und so trennte einen doch wieder etwas: So nah und doch so fern.

Gegen das Bühnenbild wiederum kann man keine ernsthaft negativen Kritiken äußern: Die Drehbühne wurde perfekt für den Schauplatzwechsel genutzt, der Erdboden auf dem statischen Teil hatte in vielen Szenen seine Rechtfertigung und war somit universell passend. Beispielhaft hierfür steht, dass das Gretchen über die Spielzeit immer dreckiger wurde, was natürlich als Metapher zu verstehen ist: Sie lud sich immer mehr Sünden auf.

Somit möchte ich zu Magarete überleiten, ihre Schauspielerin passte sehr gut in die Rolle und erregte durchaus Mitleid. Die ihr zugewiesene wesentlich größere Rolle ließ die Liebesgeschichte weitaus dramatischer wirken als im „Faust“. Lessing wäre begeistert, Mitleid war das Mittel, das er dem Theater zudachte, um Menschen zu verändern, doch ganz so war es dann doch nicht. Ihre grauenhafte Situation mit einem Kind allein dazustehen, den Bruder verloren und der eigenen Mutter ein Mittel eingeflößt zu haben, sodass sie stirbt, wurde einfach nicht in seiner Gänze herausgearbeitet. Gegen Ende, als der Regisseur Gretchen ihr ertränktes Kind in die Hand gegeben hatte und sie kurz vor ihrem Tod stand, verspürte ich kein wirkliches Mitleid. Das mag an der Situation liegen, viele Schüler zusammen, keiner wird emotional unter Schulkameraden, doch der Anfang  versprach so viel.

Natürlich gab es noch großartige andere Dinge, die Schauspielleistunt der weiblichen Darstellerin, die Mephisto bekleidete und ihm eine ganz neue Facette verlieh: Mephisto als Frau. Es reichte ein Kuss anstelle eines Blutschwurs und die Überredungskünste des Teufels wurden durch weibliche Reize ergänzt. Was die Frage der Intention aufkommen lässt: Sind Frauen Teufel?

Nein keineswegs, aber mit eben solchen Mitteln der lieblichen Verführung bieten sie eine gewisse Überzeugungskraft. Dies passt in die Zeit, Frauen beginnen sich zu emanzipieren und fordern ihr Recht ein, doch es ist eben nicht unsere Zeit und so geht auch dieser Ansatz etwas an uns vorbei. Hier stellt sich die nächste Frage: Wieso diese Zeit und nicht jetzt? Die Antwort kann schlichtweg, der Autor hat sich selbst die Fesseln der Texttreue auferlegt. Durch kleine Änderungen hätte man die Geschichte einer Teeniemutter, welche ihr Kind umbringt, sicherlich in die heutige Zeit tranferieren können. Und so bleibt es dabei: Es war bloß Mittelmaß.

Benedict Gerlach, A20D1

(27.02.2020/BC)

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